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von Markus Krieger (Samstag, 21.03.2020)

Von der Rolle

Bis Aschermittwoch war Fasten ein Art Lifestyle. Der mehr oder weniger fromme Verzicht auf das „Zuviel“ dieser Tage, Kaffee, Süßes, Fernsehen. Sieben Wochen ohne, weil’s halt gut tut. Vierzig Tage ist die Fastenzeit, die biblische Zahl für „unvorstellbar lang – und ein bisschen darüber hinaus“. Vierzig, das heißt Quarantäne.

Die verfügten Einschränkungen zur Verlangsamung der Corona-Infektionen treffen uns ins Mark, viele Selbstverständlichkeiten des Lebens sind außer Kraft gesetzt. Es geht ans Eingemachte. Wir spüren, worauf wir nur schmerzlich verzichten können. Das setzt erstaunliche Fantasien frei. Wer hätte beim Fasten je an Toilettenpapier gedacht?

Verschwörungstheorien braucht es jetzt aber nicht, auch nicht ängstliches Sorgen für sich oder wütendes Deuten auf Sündenböcke. Das Virus bekämpft man indes auch nicht mit frommen Sprüchen oder flotten Insta-Stories, sondern durch wissenschaftliche Forschung, hingebungsvolles Handeln an den Kranken, Zuwendung zu den Besorgten und vernünftige Zurückhaltung. Aber Sprüche, Glauben, Lachen und Lieben tun der Seele gut. Sie sind unverzichtbar, ja: not-wendig gerade, wo eine Gesellschaft etwas „von der Rolle“ scheint. Diese Fastenzeit führt uns an die Grenzen und nicht wenig darüber hinaus. Deshalb halten wir uns am Wesentlichen fest: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“ (Ps 46,2)

Markus Krieger, Pfarrer in Bechtolsheim, Biebelnheim, Ensheim und Spiesheim

für die christlichen Kirchen in Alzey-Wöllstein und Umgebung


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